Grüne Infrastruktur - Ein Zukunftsthema der Landschaftsarchitektur

bdla-Präsidium setzt programmatischen Schwerpunkt

Das neu konstituierte Präsidium des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten bdla befasste sich in seiner ersten Sitzung am 16. Juli 2014 in Berlin mit aktuellen Handlungsfeldern und legte den Verbandsfokus auf die Grüne Infrastruktur. Mit der Diskussion dieses Konzeptes eröffnet sich erneut eine Chance, die Landschaft als zentrales Element einer gesellschaftlichen Strategie zu positionieren.

Mit der intensiveren Nutzung urbaner und ländlicher Räume werden an die Leistungsfähigkeit unserer Umwelt immer höhere Anforderungen gestellt. Demografische Entwicklung, Schrumpfung und Wachstum der Städte, Klimaveränderungen und Energiewende führen zu stetig zunehmenden Belastungen. Solarfelder und Anbau von Bioenergiepflanzen prägen neuartige Flächennutzungen aus, zusätzliche Verkehrs- und Stromtrassen zerschneiden den Landschaftsraum. Derzeit wird die vorhandene Infrastruktur unter großen Anstrengungen den veränderten Bedingungen angepasst, ganze Systeme werden umgebaut. Insbesondere als Folge des Klimawandels zeigt sich parallel dazu aber auch eine Entwicklung, die originär landschaftlichen Elemente als „systemrelevant“ zu betrachten und ihnen als „Grüne Infrastruktur“ einen eigenständigen Wert zuzuweisen.

Grüne Infrastruktur als gesellschaftliche Strategie

Im Zuge dieser Tendenzen wird wieder einmal sichtbar, dass man den Umgang mit natürlichen Ressourcen nicht aus einer lokalen Perspektive betrachten darf, sondern in einen größeren Kontext einbinden muss.  Grüne Infrastruktur steht also für das menschliche Wirken in der Landschaft im weitesten Sinne. Sie umfasst sowohl naturnahe Strukturen als auch stark anthropogen geprägte Freiraumelemente – in Deutschland kann sicherlich der größte Teil der Kulturlandschaft unter diesem Begriff vereint werden.

Grüne Infrastruktur zeigt sich demnach in Form sehr unterschiedlicher Themenbereiche. So gehören beispielsweise Maßnahmen zum Hochwasserschutz, zur Integration von Verkehrs- und Energiesystemen, zur Entwicklung  von Stadtgrün, zur Konzeption von Gesundheits- und Freizeitlandschaften dazu. Immer geht es dabei um das übergeordnete Ziel, die Diversität und Resilienz unserer Umwelt zu verbessern, die Auswirkungen des Klimawandels zu begrenzen und die alltägliche Lebensumwelt des Menschen zu qualifizieren. Die Breite der Anforderungen wird vor allem in dicht besiedelten Gebieten nur mit Ideen einer multifunktionalen Nutzung von Räumen zu bewältigen sein, einem wesentlichen Merkmal Grüner Infrastruktur.

 

 

Grüne Infrastruktur als planerische Chance

Benötigen wir nun neben all den erprobten Instrumenten der Freiflächen- und Landschaftsplanung auch noch Spezialwerkzeuge zur Herstellung Grüner Infrastruktur? Sicher beinhaltet diese zu großen Teilen auch Elemente, die Freiraum- und Landschaftsplaner schon immer planen - alltägliche Aufgaben, die Landschaftsarchitekten mit Eingriff-Ausgleich-Bilanzierungen, Umweltberichten und vielen anderen Mitteln täglich lösen. Doch die Strategie einer Grünen Infrastruktur geht weit darüber hinaus. Im Zuge der aktuellen gesellschaftlichen Diskussion eröffnet sich wieder einmal die Chance, die ökologischen und sozialen Funktionen der Landschaft in größeren Zusammenhängen zu betrachten. Sind fachlich begründete Maßnahmen heute als Einzelbausteine oft schwer zu vermitteln und vom „Wegwägen“ bedroht, sollten diese im Rahmen einer übergeordneten, vor allem aber öffentlich akzeptierten Zielstellung eine viel größere Zustimmung finden . 

Neben all der Grauen gibt es nun also endlich auch die Grüne Infrastruktur! Sie ist ein eigenständiges System der Daseinsvorsorge und öffentlichen Wohlfahrt, in welchem die Prinzipien einer nachhaltig orientierten Planung ihre gebaute Form annehmen. Unter diesen Gesichtspunkten sollten wir auch darüber nachdenken, ob unser planerischer Werkzeugkoffer die geeigneten Instrumente enthält oder wir unsere Arbeitsmittel dem Zweck anzupassen haben.

Nachdem die Europäische Union mit der Strategie zur Grünen Infrastruktur eine neue Entwicklung angestoßen hat (http://ec.europa.eu/environment/nature/ecosystems/), werden die damit verbundenen Ziele immer häufiger aufgegriffen. Daran zeigt sich bereits, welches Potential die Strategie besitzt. bdla-Präsident Till Rehwaldt bringt es für die Landschaftsarchitektur auf den Punkt: „Wenn wir uns heute mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen befassen, wird schnell deutlich, dass die Themen Landschafts- und Umweltentwicklung immer stärker ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit rücken. Das Konzept der Grünen Infrastruktur verknüpft die naturräumlichen und anthropogenen Perspektiven, und steht damit für eine Balance von Mensch und Umwelt.“

Landschaftsarchitekten und ihr Berufsverband, der bdla, sollten sich daher in die aktuelle Diskussion an vorderster Stelle einbringen. Vielleicht gelingt es auf diese Weise auch, die in den letzten Jahren zunehmend partikular betrachteten Arbeitsfelder wieder stärker unter einer  gemeinsamen Idee zu vereinen. Denn: Grüne Infrastruktur = Landschaftsarchitektur!


Geschrieben am 18.07.2014 - geändert am 15.03.2016

 

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