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Für den Beruf begeistern - Interview mit Marion Linke, bdla-Fachsprecherin Ausbildungswesen

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In Deutschland gibt es 14 Hochschulen, an denen Studiengänge der Landschaftsarchitektur angeboten werden. Der bdla steht mit seinem Arbeitskreis Ausbildungswesen in engem Kontakt zu den Hochschulstandorten und engagiert sich für eine qualitätvolle Ausbildung, damit Absolvent*innen gut auf den Arbeitsalltag vorbereitet sind.

Frau Linke, Sie gehören seit 1998 dem Arbeitskreis Ausbildungswesen an, leiten ihn seit 2019. Was ist der Arbeitsgegenstand der Fachsprecher Ausbildungswesen?

Marion Linke: Wesentliche Aufgaben sind die Auseinandersetzung mit den Fragen der Ausbildung, insbesondere an den Hochschulen, sowie die regelmäßige, vertrauensvolle Beratung der Hochschulen mit Besuchen der jeweiligen Hochschulstandorte und natürlich die Nachwuchsförderung im Verband, z. B. durch die Teilnahme von Juniormitgliedern und Studierenden an den AK-Sitzungen.

Welche Entwicklungen konstatieren Sie im Verlauf Ihrer langen aktiven Mitwirkungen im AK?

Für die Antwort möchte ich aus einem aktuellen Positionspapier der Fachsprecher Ausbildungswesen zitieren, die durchaus selbstkritisch feststellen, »dass das Potential des Berufsstandes zur Lösung brennender gesellschaftlicher Herausforderungen in Politik und Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist. Der klimaresiliente Umbau der Städte und Regionen sowie die nachhaltige Umsetzung der Energiewende und umweltschonender Landnutzungskonzepte sind Kernkompetenzen von Landschaftsarchitekten. Wenn es nicht zeitnah gelingt, die Studierendenzahlen anzuheben, wird sich der bestehende Fachkräftemangel bei gleichzeitiger Erhöhung des Bedarfs an Fachkräften und der zunehmenden Brisanz der Aufgaben weiter verschärfen.

Es muss Ziel des gesamten Verbandes, ja der Profession sein, die Bedeutung von Landschaftsarchitektur/Landschaftsarchitekten im Alltag deutlicher zu machen und vor allem junge Menschen für unseren Beruf zu begeistern.

Was sind die neuesten Entscheidungen bzw. Arbeitsschritte des Gremiums?

Mit diesem Positionspapier sollen eine Initiative und gemeinsame Strategie der grünen Verbände, der Kammern und Hochschulen angestoßen werden. Ziel ist es, auf die politischen Entscheidungsträger zuzugehen und diesen die Bedeutung unseres Berufsstandes und somit auch die Notwendigkeit ausreichend ausgestatteter Studiengänge und Studienplätze zu vermitteln.

Daneben ist der Übergang zur Öffentlichkeitsarbeit fließend. Der Allgemeinheit ist nicht eben geläufig, worin die Tätigkeit eines Landschaftsarchitekten besteht. Architekten bauen Häuser. Was machen wir? Zusammen mit der Arbeitskreis Öffentlichkeitsarbeit werden wir Themen, wie die Vermittlung des Berufsbildes des Landschaftsarchitekten, beginnend in den Schulen, Hilfestellungen für die Büroinhaber zur Ermöglichung von Schülerpraktika und Werbung verstärkt in den digitalen Medien (Filme, Internet, . . . ), beraten.

»Fridays-for-Future«, öffentlicher Diskurs zu Klimawandel und Insektenschutz – Lässt die gesellschaftliche Debatte »grüner« Themen Jugendliche »kalt«?

So pauschal würde ich das nicht unterschreiben. Aber dass Schüler und Studieninteressierte nun in die Landschaftsarchitekturstudiengänge drängen würden – das ist nicht der Fall. Die Zahlen an den Hochschulen 2013 bis 2018 stagnieren, mit Schwankungen zwischen den einzelnen Hochschulstandorten.

Erfreulicherweise war zum Wintersemester 2020/21 ein spürbarer Anstieg der Studienanfänger zu verzeichnen. Ein Grund dafür war, dass viele Abiturienten auf Grund von Corona auf zunächst geplante längere Reisen verzichtet und sofort ein Studium aufgenommen haben. Ob sich dieser Zuwachs nach der Pandemie verstetigen wird, bleibt zu hoffen.

Sind die Ausbildungsstätten gerüstet für einen »Ansturm«? Sehen Sie Handlungsbedarf und wenn ja wo und bei wem (Politik, Verbände, Nachwuchs, . . . )?

Anstürme sind immer schwierig, aber in unserer Profession wären sie wünschenswert und auch gesamtgesellschaftlich notwendig. Mittlerweile steht qualifiziertes Fachpersonal sowohl in Verwaltungen wie auch in freien Planungsbüros nicht mehr in ausreichender Anzahl zur Verfügung, was u. a. dazu führt, dass z. B. die Fördergelder der Programme, die Stadt und Land resilienter und nachhaltiger machen sollen, immer öfter nicht abgerufen werden können.

Welche Ansätze der Nachwuchsförderung sieht der AK?

Entscheidend sind ein gemeinsames Handeln und eine Strategie der grünen Verbände, Kammern und Hochschulen gemeinsam. Weiterhin bietet sich ein Einbringen in die Politik, gerade dieses Jahr mit den sog. Wahlprüfsteinen zur Bundestagswahl, an. Aber auch die Angebote des Verbandes an den Nachwuchs, wie bzw. die Auszeichnung herausragender Studienarbeiten oder die Auslobung von studentischen Wettbewerben, wie z. B. in Mitteldeutschland, Baden-Württemberg und Bayern, sind erprobte Mittel der Ansprache.

Wie ist es um die Ausbildungslandschaft in Deutschland im internationalen Vergleich bestellt?

Nach Aussagen von international tätigen Kollegen ist der bdla als Berufsverband wenig wahrnehmbar, anders die Ausbildungen, ablesbar an den Bewerbungen bzw. Praktikumsanfragen aus der ganzen Welt. Gerade in unserem Fachgebiet ist Deutschland sehr gut und vielfältig mit weit mehr als einem Dutzend Studienstandorten aufgestellt.
Inwiefern die Ballungsräume im Ruhrgebiet oder Hamburg auch als Studienstandort anzustreben sind, wird seitens der Berufsverbände, Kammern und der Politik regelmäßig diskutiert, führte aber bisher zu keiner Lösung. Intention dieser Strategie ist es, die Studienorte in die Regionen zu bringen, in denen viele Planungsbüros angesiedelt sind und auch die meisten Studienanfänger in Deutschland wohnen.

Wie ist Ihre Sicht auf die hiesige Landschaftsarchitekturausbildung?

Die Pflanze im Mittelpunkt der Lehre ist das Charakteristikum unserer Profession im weitesten Sinne von »Bauen mit Grün«. Entscheidend sind aber neben Entwurf, Planung und einem Projektstudium auch Methodenkompetenz für objektive Herleitungen, z. B. den Fakten zu Klimawandel und -anpassung, juristische Kompetenz und Kommunikation (v. a. in Beteiligungsverfahren, Verhandlungen).

Mir persönlich liegt die gesamtheitliche Ausbildung am Herzen, die Breite des Studiums. Dazu gehören Entwurf und planerische Strategie, aber auch Technik. Beispielsweise ist in der Landschaftsplanung einerseits der Umgang mit Maßstabs-Ebenen M 1: 5.000 bis M 1:25.000 auf gesamtstädtischer Ebene (Grünkorridore, Klimaanpassungskonzepte, Klimastrategien etc.) wesentlich, andererseits z. B. bei den »Wasser-Themen« bautechnische Details M 1:10 oder aber Pflanzenkenntnisse bei der Baumarten-Auswahl. Bürgerbeteiligung und Vermittlung von Akzeptanz wären dann auch noch ein Extra-Thema. Zusammengefasst könnte es »konzeptionell Denken, offen sein für Neues und Experimentelles sowie gesamtheitlich und interdisziplinär handeln« lauten. So jedenfalls meine persönliche Definition von Landschaftsarchitektur, wie ich sie verstehe und lebe.

Dazu kommt noch das Arbeiten auf Augenhöhe mit Nachbardisziplinen wie Architektur, Städtebau, Verkehrsplanung und Ingenieurwissenschaften, der interdisziplinäre Ansatz. Das sollte auch in interdisziplinären Studienangeboten, z. B. gemeinsames Projektstudium mit Architekten und Ingenieurdisziplinen, bereits verankert werden.

Wie verlief Ihr Start ins Berufsleben? Seit wann führen Sie Ihr eigenes Büro und mit welchen Schwerpunkten?

Zu meinem Werdegang. Dieser führte mich nach einem Studium mit über einem Jahr an Praxiszeiten in ausführenden Betrieben und Landschaftsarchitekturbüros von der TU München nach Landshut. Hier arbeitete ich zehn Jahre in einem Büro projekt-leitend v. a. im Bereich der Landschafts- und Stadtplanung, obwohl ich im Studium die Freiraumplanung vertieft hatte. Dabei erwiesen sich die Breite der TUM-Ausbildung und v. a. die Tätigkeit als studentische Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Vegetationsökologie von Vorteil.

Seit 2001 führe ich gemeinsam mit meinem Mann Klaus Kerling ein Büro in Landshut mit derzeit vier Mitarbeitern. Unsere Arbeitsschwerpunkte reichen von der Freiraumplanung, z. B. Platzgestaltungen, Schulen, Kitas, gewerbliche Außenanlagen, über städtebauliche Projekte bis zu sämtlichen Facetten der Bauleitplanung. Hier von Sonderthemen wie Windkraftanlagen und FreiflächenPhotovoltaikanlagen, Golfplätze und Baustoffkreislaufzentren über Waldfriedhöfe bis zu klassischen Baugebieten für Wohnen, Gewerbe, Industrie und Einzelhandel. Diese sind sowohl im städtischen als auch im ländlichen Kontext angesiedelt. Weitere Arbeitsschwerpunkte sind Abbauplanungen und Rekultivierung sowie naturnaher Gewässerausbau, Herstellung von Biotopgestaltungsmaßnahmen und Umweltbaubegleitung. Unser Büro ist das Gegenteil von international. Wir beschränken uns auf einen Aktionsradius von ca. 100 km und planen »regional«.

Eine besondere Bereicherung meiner Arbeit stellt seit 1998 die Tätigkeit als Lehrbeauftragte im 7. Semester der Vertiefungsrichtungen Landschaftsplanung bzw. zuletzt Stadtplanung an der HSWT Weihenstephan dar. Neben den Diskussionen mit den Studierenden  bietet sich hierbei einmal im Jahr die Chance, ohne die Zwänge der Wirtschaftlichkeit unvoreingenommen zu planen, zu entwerfen und Visionen für die Zukunft zu entwickeln – eine echte Bereicherung.
Hinzu kommen – durch das Engagement im Berufsstand, insbesondere im AK Ausbildungswesen, – auch immer wieder persönliche Kontakte zu Kollegen, die einen bei beruflichen Fragen oft weiterbringen.

Haben Sie die Freiberuflichkeit »bereut«?

Die Freiberuflichkeit habe ich nie bereut. Keinen einzigen Tag.

Vielen Dank.


Quelle: bdla-Verbandszeitschrift "Landschaftsarchitekten" 2/2021

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